unerwünscht

Gastbeitrag – Wartezimmergate oder: Warum sind Kinder so unerwünscht?

Auch mir ist schon aufgefallen, dass Kinder oft unerwünscht sind. Das ist sehr traurig, denn Kinder sind etwas so wundervolles und sollten in der Gesellschaft einen festen Platz haben und nicht ständig das Gefühl bekommen das sie stören. Der heutige Gastbeitrag von Yasmin (Die Rabenmutti) handelt genau von diesem Thema und wie sie darauf reagierte.

Über die Rabenmutti:

Mein Name ist Yasmin, ich bin Mutter, Ehefrau, Kollegin, Frau und aktuell seit 7 Monaten schwanger. Ich falle oft (unangenehm) durch meine ehrliche und direkte Art auf. Ich mag es nicht andere zu belügen oder eine Maske aufzusetzen, um anderen besser zu gefallen. Bei mir wisst ihr immer woran ihr seid. Auf meinem Blog berichte ich absolut ehrlich über die Höhen und Tiefen des Mutterdaseins und darüber hinaus über Literatur, gutes Essen, Reiseziele für Familien und allem, was zu meinem bunten Leben dazugehört. Ich liebe meine Zaubermaus, Baby Erbse und meinen Ehemann über alles und möchte die Welt gern an Freud und Leid teilhaben lassen. 100 Prozent echt, 100 Prozent ich.

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Wartezimmergate oder: Warum sind Kinder so unerwünscht?

Kürzlich hatte ich auf meiner Facebook-Page von einem Vorfall berichtet, der mich richtig hochkochen ließ (thanx my hormons): Ich saß mit meiner Tochter ruhig im Wartezimmer, hatte ihr vorgelesen und wurde dafür angepampt. Meine Reaktion darauf rief sehr viel Beifall, aber auch Verständnislosigkeit – ja sogar Beleidigungen (assozial) – hervor.

Dieser und weitere Vorfälle haben mich dazu angestimmt darüber nachzudenken, ob Kinder eigentlich Platz in unserer Gesellschaft haben. Meinem Gefühl nach: Klares Nein. Es gibt Kulturen, da gehören Kinder einfach dazu, da sind sie ein fester Teil. Da gehören „wir“ nicht dazu. Wobei das „Wir“ jetzt schwierig zu greifen ist, da wir uns ja zu einer Multi-Kulti-Gesellschaft entwickelt, die in verschiedenen Teilen sogar sehr kinderfreundlich ist. Wenn ich also von Wir spreche, meine ich das, was mir alltäglich auf der Straße begegnet. Unabhängig davon, wer jetzt vor mir steht (ich lebe in Deutschland).

Wartezimmergate: Die Rabenmutti wird bissig

Was genau war im Wartezimmer eigentlich passiert? Es war Zeit für meinen Zuckertest inklusive Ultraschalluntersuchung. Ich hatte beschlossen mal wieder unsere Tochter mitzunehmen, damit sie ihr Geschwisterchen im „Baby-Tv“ sehen kann. Im Wartezimmer hat sie anfangs die anderen Wartenden etwas unterhalten – sie geht einfach sehr offen auf Menschen zu – und ein wenig ausgefragt. Nachdem ich meine Plörre – ähm – Zuckerlösung eingenommen hatte, saßen wir erneut im Zimmer. Die Maus bat mich vorzulesen – was ich gern, wenn auch unter leichtem Hüsteln gemacht habe. Um meine Stimme, angegriffen durch eine Erkältung, zu schonen, habe ich besonders leise vorgelesen. Was bei meiner Piepsstimme schon fast an Flüstern grenzt. Irgendwann betritt eine ältere Frau um die 60 bis 65 (?) den Raum. Wir grüßen freundlich und wenden uns wieder dem Buch zu. Sie greift sich eine Zeitschrift und beginnt zu lesen. Da passiert es:

Sie räuspert sich, schaut uns böse an und meint (ziemlich zickig): „Können Sie vielleicht auch leiser lesen? (noch pissiger) Sie sind schließlich nicht alleine hier im Wartezimmer?!“.

Bei einem anderen Tonfall oder anderem Blick, hätte ich vielleicht eingelenkt. Man kann nämlich auch freundlich fragen. Hier standen aber klar Provokation und Verbitterung (Kinderfeindlichkeit?) im Vordergrund. Naja und das kann ich ja nicht wirklich leiden, wenn ich grundlos angepampt werde.

In meinem Kopf liefen ziemlich viele Reaktionen gleichzeitig ab. Allesamt beinhalten böse Schimpfwörter, die ich an dieser Stelle nicht verraten will. Ich schaue allerdings nur irritiert und meinte: „Ääääähm, okee?“. Um direkt auf die Vorwürfe: „Zu laut und schlecht gelesen“ einzugehen: Nein, ich habe definitiv nicht zu laut vorgelesen. Auch, wenn Menschen laut und leise verschieden empfinden. Man hätte trotzdem eine Ameise pupsen hören. Wir saßen sehr ruhig und still im Wartezimmer, lediglich das Lesen – welches nicht lauter ist, als wenn man beispielsweise leise mit dem Nachbarn spricht war – war zu hören. Ansonsten Totenstille. Und ich nehme an genau das hat sie sich auch gewünscht. Stille. Außerdem lese ich nicht schlecht. Das kann ich so eingebildet von mir behaupten, da ich schon mehrere Lesewettbewerbe gewonnen habe und generell sehr gut und flüssig lesen kann. Vorwürfe (die ich bekommen habe) wie diese sind eines: Blöde – ähm- ungerechtfertigt.

Fragen über Fragen

Zurück ins Wartezimmer: Ich war sauer. Innerlich habe ich gekocht. Wie oft erlebt man es, dass Kinder wie Wahnsinnige durch die Wartezimmer rennen und dabei schreien und kreischen? Ich spreche nicht davon, dass sie sich normal hin und her bewegen, das ist völlig ok. Genauso, dass Kinder gern auch mal lauter reden. Nein. Es geht wirklich um wahnsinniges Schreien und Kreischen. Wenn Kinder das tun, ja dann verstehe ich, das geht dann mal an die Substanz. Das kann nerven. Aber Kinder, die sich extrem ruhig verhalten und völlig still sitzen, die nerven auch schon? Was wäre, wenn mein Mann dabei gewesen wäre und ich hätte mich mit ihm unterhalten? Hätte sie uns den Mund auch verboten? Wenn ich mit Baby Erbse da gewesen wäre, die geweint hätte? Hätte sie mich gebeten den Raum zu verlassen? Diese und andere Gedanken kamen in dem kurzen Zeitraum in meinem Kopf auf. Ich war so sauer. Wo ist bitte das Problem, wenn man im Stillen vorliest? Der Ton der Frau inklusive Blick sprach wirklich Bände. Das hatte nichts Höfliches, das war keine simple Frage. Das war einfach ein Angriff auf eine Mutter und ihr Kind. Und dann ging ich zur Verteidigung über.

Mein Blick hat sich auf Claire gerichtet: Ich habe ihr gesagt „Ich muss jetzt etwas leiser lesen“. Ich fing an flüsternd zu lesen. Claire hat sich sofort beschwert „Mama, ich kann dich nicht mehr hören!“. Ich schaue sie nur an, denke daran wie lieb sie sich betragen hat und da platzt mir der Kragen. „Tut mir leid Schatz, aber die alte Frau, will dass wir leiser sind.„ Und dann der ultimative Nachsatz von mir: „Aber vielleicht willst du ja wild tobend durch den Raum rennen und laut spielen, so wie andere Kinder es gern machen?“. Der Blick der Frau: UNBEZAHLBAR! Ich habe innerlich einfach gejubelt. Die Frau neben mir fing an zu kichern und musste das Prusten herunterschlucken. Ich setze noch einen obendrauf: „Ach was, lassen wir das mal lieber. Sonst fällst du wieder hin“ Ich drücke sie an mich und gebe ihr einen dicken Kuss. Hach, tat das gut, dieses Entsetzen zu sehen… Ob diese Reaktion hormongeschwängert war? Ja vielleicht. Ob ich mich deswegen schäme? Nö. Und auch nicht dafür, was danach kam. Mittlerweile wird es Zeit für die Untersuchung und den Ultraschall, denn wir werden aufgerufen. Ich räume das Buch auf und als ich quasi auf Höhe der Frau bin sage ich: „Ok Schatz, wir sind dran. Dann lass uns mal gehen, damit die alte Frau in Ruhe sterben kann“.

Respekt? Nein, aber war Absicht

Bäm. Der Satz saß. Ich verließ den Raum und fühlte mich befreit. Denn genau das dachte ich: „Du blöde alte Schachtel, wenn du deine Ruhe haben willst, leg dich doch schon mal in den Sarg und verrecke. Das ist ein Kind, die zahlt mal deine Rente. Du solltest offener und herzlicher gegenüber jungen Müttern sein, statt ihnen den Mund zu verbieten. Vertrocknete blöde Kuh!“. Das war noch harmlos 😉 Ob meine Reaktion angemessen war? Für mich schon. War sie vorbildlich? Darüber lässt sich sicher streiten. Respektlos? Aber Hallo! Ich wollte nämlich gar nicht respektvoll sein. Warum auch? Wenn ich aus so einem unsinnig Grund, völlig unbegründet angefahren werde – vielleicht ist sie ja frustriert gewesen, hatte ewig keinen Sex, keine Ahnung – dann werde ich bissig. Da pfeife ich auf meine gute Stube. Respekt hat mich noch nie weiter gebracht, außer in den Po anderer Menschen. Bissigkeit aber zeigt den Menschen wenigstens was ich von ihnen halte. Und das ist mein Lebensmotto. Ehrlich sein, authentisch. Ihr wisst immer woran ihr seid. Ich bin mir selber treu geblieben. Von dem her: Ja ich war unhöflich, ja ich hatte keinen Respekt, aber verdammt nochmal: Genau das wollte ich auch. Ich wollte der Frau zeigen, dass ihr ihren Einwand für total überzogen und scheiße halte. Und, wenn wir mal ehrlich sind: Sie ist dem Tod biologisch bei weitem näher als ich 😉.

Der Nachhall

Wenn ich mich nun an die Situation zurückerinnere frage ich mich: Woher kommt eigentlich die Erwartungshaltung, dass es im Wartezimmer totenstill sein muss? Gab es da mal ein Gesetz für? Wenn ich einen Ort der Ruhe und Entspannung aufsuchen möchte, stelle ich mir viele schöne Orte vor, aber sicher nicht das Wartezimmer. Und weiterhin frage ich mich: Was genau erwartet die Gesellschaft denn von wartenden Kindern? Still sitzen, nichts sagen und vorbildlich verhalten – wie zu Zeiten der schwarzen Pädagogik halt üblich, oder? Aber Kinder sind meist nicht ruhig. Kinder haben einen Entdecker- und Bewegungsdrang. Kinder sind Freigeister, die ihre Neugier befriedigen möchten. Warum müssen sie so oft künstlich eingesperrt werden? Ich weiß es nicht… Solang die Kinder noch auf ihre Umgebung achten, habe ich kein Problem damit, wenn sie sich frei bewegen… Aber ich habe schon oft mitbekommen, dass Kinder ein Störfaktor sind. Dass man sie zum Stillsitzen und ruhig sein bewegen möchte. Wider ihrer Natur. Kinder gehören nicht in unsere Gesellschaft dazu, die sind ein schmückendes Beiwerk, welches sich nur durch gute Manieren integrieren lässt. Alle anderen Kinder sollten wir in den Keller sperren – naja so oder ähnlich geht es sicherlich in manchen Köpfen zu. Schade. Solang es Menschen gibt, die sowas einfordern und Kinder als Störfaktor sehen, solang werde ich ihnen unvermittelt zeigen, was ich von ihnen halte. Also schnallt euch lieber an, liebe Kinderhasser. Ich nehme kein Blatt vor den Mund. Schon gar nicht, wenn es um mein Kind geht.

Auch jetzt stehe ich zu meinen Worten und würde jederzeit wieder so handeln. Oder direkt mit Sätzen wie: Zum Krematorium geht´s an der nächsten Kreuzung links! antworten.

“Vielen Dank liebe Yasmin für diesen tollen Beitrag”

Ich kann Yasmin sehr gut verstehen und auch ihre Reaktion. Schlimm das Kinder immer (öfters) als Störenfriede gesehen werden. Das sollte nicht sein.

Habt Ihr auch schon solche Erfahrungen gemacht?

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Ein Kommentar

  1. Puuhhh, das ist harter Toback. Ich verstehe deine Wut, Jasmin und ich fühle mich ganz oft so mit meinen Kindern in der Öffentlichkeit. Da muss noch nicht mal etwas gesagt werden, aber subtil gibt man mir oft zu verstehen “schalte mal die Kinder ab” oder “lass sie gleich zu Hause”. Ich habe schon oft in Warteräumen leise vorgelesen und es hat sich noch niemand beschwert. Aber trotzdem ist man als Eltern immer am gucken, dass die kinder jaaa nicht zu laut sind und ja nicht störren: Das ist furchtbar anstrengend und es sollte nicht so sein! Aber dein Spruch am Schluss, ich glaube das hätte ich nicht gesagt. Das ist bissig und irgendwie nicht mein Stil. Vielleicht hättest du sie fragen können, ob sie deiner Tochter etwas vorlesen möchte 😀

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