Gastbeitrag – Leben mit HSP – „Ich möchte mich doch einfach nur eingraben“ – 09.05.2017

Wie einige von Euch ja schon wissen, auch ich bin eine HSP (hochsensible Person) und habe „HIER“ darüber geschrieben. Mama schreibt erzählt uns heute über ihre Erfahrungen, wie es ist, als HSP zu leben. Ich kenne das und fühle sehr gut mir ihr.

Mami schreibt

… über und für ihr Leben gern. Und in ihrem Blog (www.mamischreibt.com) hat sie eine kleine, private Rückzugsinsel gefunden, auf der sie schreibt, um ihr Gefühlschaos zu ordnen, um Abschnitte dieser besonderen Zeit als Mama festzuhalten, um Gedanken und Erlebnisse weiterzuerzählen.

Ich möchte mich doch einfach nur eingraben!

Wir hetzen durch den Tiergarten – die Robbenfütterung müssen wir unbedingt noch schaffen. Das dachten sich auch zweihundert andere Leute, die in drei Reihen um das viel zu kleine Becken stehen und „Ohhhs“ und „Ahhhs“ von sich geben. Mein Freund schnappt sich unseren damals 8-monatigen Sohn und bahnt sich einen Weg durch die Menge, um doch noch irgendwo einen Sichtplatz zu ergattern. Ich stelle mich hinter alle anderen und werde von der Energie der Masse wie von einem Schlag getroffen. Das ignorierend und stelle mich auf die Zehenspitzen, um vielleicht doch außer Köpfen noch ein Tier zu erblicken. Das nächste Platschen, das nächste „Ahhhh“ und mir steigen die Tränen in die Augen. Ich gebe auf, ziehe mich zurück, warte in sicherer Entfernung bis das Schauspiel ein Ende hat und versuche mich zu beruhigen.

„Alles ok?“ fragt mich später mein Freund.

„Mir ist das alles ein bisschen viel! Du weißt schon, viele Menschen und so!“

„[Aber du müsstest doch mit den Reizen klarkommen], du bist doch kein Baby.“

„Nein, aber eine HSP.“

Rückblick

Fassungslos starre ich auf den Bildschirm. Ich habe alle Tests gemacht, die ich finden konnte. Mehrfach. Im Abstand von mehreren Wochen. Die Ergebnisse schwanken zwischen „Du bist mit größter Wahrscheinlichkeit eine HSP“ und „Du bist in jedem Fall eine HSP“. Ich kann es nicht glauben. Ich bin wütend, ich bin verzweifelt, ich fühle mich betrogen. „Viele fühlen sich erleichtert, wenn sie erfahren, dass sie eine HSP sind!“ lese ich und muss lachen. Nein. Ich fühle mich nicht erleichtert. Ich fühle mich betrogen um all die Jahre, in denen man mir sagte, ich solle mich doch gefälligst nicht so anstellen, ich solle nicht so übertreiben, ich solle mich nicht so hineinsteigern. Um all die Jahre, in denen ich zwanghaft versuchte, mich selbst in den Griff zu bekommen, zu sein, wie es die Gesellschaft offenbar von mir erwartet. Um all die Jahre, in denen ich versuchte, eine andere zu sein, weil mir von allen Seiten suggeriert wurde, dass ich so, wie ich bin, falsch sei, dass ich so, wie ich bin nicht akzeptiert werden würde und keinen Platz hätte. Und jetzt, jetzt sagt mir irgendeine Internetseite, dass ich zu einigen Prozent der Menschen gehören würde, die nun einmal viele Dinge anders wahrnehmen, als der Rest, dass das normal sei, dass ich damit nicht alleine wäre, dass es in Ordnung sei, so zu sein, wie ich bin und dass doch sowieso alles bestens ist.

Nichts ist bestens, nichts ist in Ordnung. Ich fühle mich belogen und ich fühle mich machtlos und ich weiß nicht, was ich mit dieser Information jetzt anfangen soll. Was bringt es mir, jetzt einen Stempel zu haben? Ich solle meine Mitmenschen mit einbeziehen, heißt es. Ich solle meine Mitmenschen informieren, heißt es. Das stelle ich mir jetzt nicht gerade erfolgsversprechend vor! Wann immer ich versucht habe, Menschen in meinem Umfeld klar zu machen, dass ich einfach Dinge anders wahrnehme, dass sie sich für mich anders/schlimmer/intensiver anfühlen, als ich es von Beschreibungen anderer kenne, dann habe ich nicht gerade Verständnis geerntet, sondern eher ein mitleidiges Die-hat-sie-doch-nicht-mehr-Alle Lächeln. Warum sollte das plötzlich anders sein, nur weil das Ganze einen Namen bekommt?

Lässt sich das therapieren?

In meiner Therapie haben wir oft über meine Seinszustände gesprochen, oft darüber gesprochen, dass mir Dinge einfach viel näher gehen, als meinem Umfeld, dass ich mich in Menschenmassen verloren fühle, dass ich mich unter Menschen unwohl fühle, dass ich am liebsten für mich und mit meinen Liebsten bin. „Seien Sie mutig! Probieren Sie sich aus! Fragen Sie beim Bäcker nach den Zutaten des Brotes und Sie werden bemerken, dass es Ihnen nicht schadet! Seien Sie aggressiver[, das heißt, gehen Sie Dinge aktiv an]!“ So also die Ratschläge meines geschätzten Therapeuten. Was würde der jetzt wohl sagen, wenn ich ihm mit meiner HSP-Theorie komme? Wahrscheinlich würde er es ähnlich versucht unbemerkt belächeln, wie er das immer tut, wenn ich von Sternzeichen spreche. Ein kleines, winziges Schmunzeln, das mir zeigt, was er davon hält, auch wenn er nie etwas dagegen sagen würde.

Mein Therapeut spricht immer von Ausprobieren, von Heilung, von Hinspüren und bemerken, dass mir nichts passiert, von Sich-der-Welt-gegenüber-öffnen, von Offen-Sein für neue Möglichkeiten. Ich habe es oft ehrlich versucht. Ich hatte auch Erfolg damit, habe bemerkt, dass ich beim Bäcker nicht in den Ofen geschupst werde, nur weil ich mal eine Frage stelle, aber wohl fühle ich mich dabei nicht. Für mich sind solche Auseinandersetzungen immer höchst anstrengend. Konversation mit neuen Leuten, die mir Signale senden, die ich nicht spüren möchte, vor denen ich mich abschotten möchte, ist für mich vergleichbar mit einem intensiven Lernmarathon. Danach fühlt sich der Kopf leer und zu zugleich an und ich flüchte mich völlig erschöpft einmal mehr in den Eskapismus: weg von der Welt, weg vom Leben, weg von all den vielen Eindrücken, die auf mich einprasseln. Die Welt ist für mich eigentlich nur noch mit Musik in den Ohren zu ertragen.

Mutterschaft in Isolation

Jetzt bin ich Mama geworden. Jetzt prasseln vollkommen neue Eindrücke auf mich ein. Ich weine mit meinem Baby, wenn es ihm nicht gut geht, weil ich seinen Schmerz quasi spüren kann. Ich spüre seine Freude, ich spüre, wenn er sich unwohl fühlt. Es gibt viele anstrengende Momente mit ihm, gerade weil mich manchmal die Empathie übermannt. Aber noch ist das alles nicht so problematisch. Noch verbringe ich meine Zeit mit ihm zu zweit. Oder ist das etwa problematisch? Ist es verkehrt, dass ich mich dazu entschieden habe, all diese PEKIP und Wie-sie-nicht-alle-heißen-Kurse auszulassen, um mir und meinem Schreibaby, das immer und sofort von allem überreizt war, den Stress zu ersparen? Manchmal frage ich mich, ob ich damit einen großen Fehler mache, ob ich meinem Baby schade und es sozial inkompetisiere, wenn ich solche Zusammentreffen mehrerer Menschen vermeide. Macht mich das zu einer schlechten Mutter?

Oft gehe ich an Spielplätzen vorbei, Orte, mit denen mein kleiner Sohn noch nicht so viel anfangen kann, und mir graust davor! Ich bin schon als Kind nicht gerne auf den Spielplatz gegangen, weil ich die Interaktion mit den anderen Kindern nicht mochte, weil mich das überforderte, weil ich lieber in Ruhe in meiner Zimmerecke saß und in Bücherwelten eingetaucht bin. Doch jetzt? Ich kann diese Entscheidung nicht für meinen Sohn treffen! Ich kann nicht sagen „So, wir bleiben zu Hause, weil Mami mag nicht mit anderen Müttern sprechen!“ Ich kann ihm nicht die Spielwelt da draußen verwehren, den Kontakt mit anderen Kindern, nur weil ich in meinem HSP-Dasein nicht damit klarkomme, dort anderen Müttern, anderen Kindern, anderen Menschen zu begegnen, mit denen ich höchstwahrscheinlich auch das eine oder andere Mal werde sprechen müssen. Doch ich spüre bereits jetzt, bereits vorfristig, dass mich diese Ausflüge ungemein auslaugen werden, dass es mich viel Kraft kosten wird, mich auf meinen Sohn zu konzentrieren, mit ihm zu spielen und andere Eindrücke weitestgehend auszublenden bzw. mich auf Interaktionen mit anderen einzulassen. Bereits jetzt spüre ich die daraus resultierende Erschöpfung und bereits jetzt möchte ich das am Liebsten vermeiden und Papa zum Spielplatzzuständigen erklären.

Just keep breathing

Frei nach Dori ist das ein Motto, an das ich mich manchmal klammere. Manchmal, wenn mich alles in der Welt so erschreckt, dass ich nicht einmal die neuesten Nachrichtenschlagzeilen ertrage, manchmal, wenn ich mich einfach irgendwo vergraben möchte und mich das Wissen lähmt, dass das mit meinem kleinen Baby absolut unmöglich ist. Atmen. Wenn nichts mehr geht, dann Atmen. Atmen als die kleinstmögliche Lebenseinheit, die mich von einem Moment zum nächsten bringt, die mich durch die Momente bringt bis ich merke, dass der Moment vorbei ist und sich meine Muskeln wieder etwas lockern. Atmen bringt mich durch den Tierpark, trotz des Stresses, trotz der vielen Menschen. Atmen bringt mich durch die Gespräche, die versuchen zu erklären, was mit mir los ist, was ich bin, wie ich gewisse Dinge wahrnehme. Atmen bringt mich durch die Enttäuschung, wenn das so sehr erhoffte Verständnis ausbleibt.

Bei meinem Freund ist dieses Verständnis nicht ausgeblieben. Wir haben länger darüber gesprochen, er hat länger nicht verstanden, was ich überhaupt von ihm will. Aber irgendwann – das ist immer ein sehr interessanter Moment in seinen Augen – hat es Klick gemacht und er hat es akzeptieren können. Das vermeidet nicht immer ein Augenrollen, wenn ich so etwas sage wie „Das ist für jemanden wie mich nicht so leicht“, aber er akzeptiert es und geht darauf ein und kann es als meinen Wesenszug annehmen. Das beruhigt mich und bestätigt mich in meinem Gefühl, das ich bei ihm vom Anfang an hatte „Ich bin angekommen, ich bin zu Hause, hier bin ich sicher und geborgen“. Und wenn mich mal wieder der Weltschmerz überkommt, der mir weismacht, dass doch alle anderen so auslaugend sind, dann atme ich, kuschele mich an meine Familie, spüre Wärme und Geborgenheit und weiß, dass die Energien, die mich niederreißen und erschlagen, hier keine Chancen haben.

 

“Vielen Dank liebe Mami schreibt für diesen tollen Beitrag”

HSP ist keine Krankheit, aber es ist trotzdem nicht immer leicht damit zu leben.
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3 Kommentare

  1. Liebe Nicole, liebe Mami-Schreibt,
    mir kann keiner erzählen, dass er sich in großen Menschen-Massen pudelwohl fühlt, also was ist schon normal? Jeder nach seinem Maße. Und weniger ist manchmal mehr. Wenn der Pekip-Kurs für dich Stress ist, dann lass es. Wenn der Zoo-Besuch Stress bedeutet, geh nicht hin. Nur wir selbst können für uns die Entscheidung treffen, wie wir unser Leben gestalten. Und das Unverstädnis einiger Menschen ist vielleicht nur die eigene Verdutzheit darüber, dass jemand offen und ehrlich über seine Gefühle spricht. Denn allzu oft verstecken wir uns hinter einer Maske, um “dazu tugehören”.

    Liebe Grüße, Ella




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    1. Hallo Ella, naja soll Menschen geben die das mögen :-). Aber ich denke das sind eher Ausnahmen.
      Stimmt auch das man vieles macht nur um dazu zugehören, aber das braucht man gar nicht. Wir sind alle verschieden und das ist gut so. Liebe Grüße Nicole.




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